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Résistance im Bananenrock

Josephine Baker: Ein lebenslanger Kampf um Freiheit und Gleichberechtigung

Eigentlich hätte Josephine Baker als Widerstandskämpferin und Menschenrechtlerin in die Geschichtsbücher dieser Welt eingehen müssen.
Stattdessen erinnern wir uns allerhöchstens an ihre wild-frivole Tanzdarbietung im Bananenrock. Ein Versuch, die erinnerten Memoiren der Tänzerin umzuschreiben.

Es war der 2. Juli 1917, das Aluminiumwerk »Aluminum Ore Company«  in East St. Louis, Illinois hatte schwarze Streikbrecher eingestellt, damit der Betrieb der Hütte trotz des Ausstandes weitergehen konnte. Die Frustration darüber trieb die weiße Bevölkerung, die um ihre Existenz zu bangen glaubte, auf die Straße. Häuser standen in Flammen, die Zerstörung der Stadt wird später auf die damals unglaubliche Summe von 400.000$ geschätzt. Mindestens 50 Afro-Amerikaner kamen bei den gewaltsamen Angriffen ums Leben, viele weitere verließen panisch die Stadt. 

Auch die junge Freda Josephine Baker wird mit der Familie um ihre Großmutter in dieser Nacht um ihr Überleben bangen und der Schock über das hasserfüllte Ereignis sollte das Leben der damals elfjährigen nachhaltig prägen. Später sagte sie, das sie oft »mehr Angst vor dem Leben als vor dem Tod« gehabt habe. 

Nur wenige Jahre später ergatterte die Tochter einer alleinerziehenden Waschfrau und eines mittellosen Musikers ihren ersten Job im Showbusiness, jedoch zunächst nur im Backstage-Bereich. Für die Bühne war sie den Produzenten »zu jung, zu dünn, zu hässlich und zu schwarz«.

Trotzdem schaffte sie es mit einer Tanztruppe auf Tournee und wurde mit einem stattlichen Einkommen von 124 Dollar in der Woche schnell zur damals bestbezahlten Chorus-Tänzerin der Welt. Im Dance Magazine schrieb ein Kritiker über sie: »Sie war das kleine Mädchen am Ende der Reihe. Hast du sie einmal entdeckt, konntest du sie nicht mehr vergessen«. 

Am 15. September 1925 setzte Josephine, die schon mit fünfzehn zweimal verheiratet und wieder geschieden war, auf Einladung einer reichen Dame der New Yorker Gesellschaft mit dem Schiff nach Frankreich über. Im Paris der 1920er galt die exotisch-afrikanische Unterhaltungskultur gerade als »en vogue« und Josephine tanzt sich mit dem Bühnenerfolg »La Revue Nègre« im Théâtre des Champs Élysées endgültig  in die amüsierhungrigen Herzen eines, aus kultureller Sicht, blühenden Europas. Sie tanzte, sang und drehte Filme. In dieser Zeit entstand auch ihr berühmter Tanz im Bananerock, der die wilden Charleston-Bewegung als Premiere nach Europa bringen sollte. 

Doch die innere Erschütterung über den Rassenhass ließ sie nicht los und so nutzte sie ihre künstlerische Tätigkeit um ihrem politischem Engagement Ausdruck zu verleihen. Josephine machte bereits 1937 den Pilotenschein und wurde noch während des Krieges zum Unterleutnant der französischen Luftwaffe benannt. 

Für den französischen Nachrichtendienst und die Résistance schmuggelte sie auf ihren Reisen als prominente Tänzerin wichtige Informationen über Landesgrenzen und Kontinente, die sie in unsichtbarer Tinte in ihren Notenblättern versteckte. Später unterstützte sie als Bürgerrechtlerin, an der Seite von Martin Luther King, den Marsch auf Washington, und sprach zum selben Publikum, das später der berühmten Rede »I have a dream« lauschen würde. 

Sie boykottierte Clubs und Bühnen, die Rassentrennung vorsahen und wurde mit der höchsten Auszeichnung für französische Widerstandskämpfer, der Rosette der Legion d‘honneur und dem goldenen Lothringerkreuz, von der Nation, der sie nach ihrer dritten von insgesamt fünf erfolglosen Eheschließungen zeitlebens angehören sollte, für ihren Einsatz ausgezeichnet. 

Auch privat sollte sie Zeichen gegen Rassenhass setzen: Josephine adoptierte zwölf verwaiste Flüchtlingskinder unterschiedlicher Nationalitäten und lebte mit ihrer Patchwork-Familie in Frankreich, nicht immer in leichten, finanziellen Verhältnissen. Ihre »Regenbogenfamilie« sollte ihr persönlicher Protest sein, gegen Rassentrennung, und unter Beweis stellen, dass Nationen sehr wohl friedvoll zusammenleben können. 

Josephine Baker, mittlerweile trotz ihres lebenslangen Kampfes gegen Armut und Ungerechtigkeit auch selbst von finanziellem Ruin gezeichnet, erleidet während einer Welttournee einen Schlaganfall und fällt ins Koma. Einen Tag später, am 12. April 1975, verstarb die Künstlerin im Alter von 68 Jahren. Wie es für Kriegsveteranen üblich ist, wurde sie in Paris per Staatsakt mit 21 Schuss geehrt und schließlich in Monaco auf einem Militärfriedhof begraben. 

Was von Josephine Baker bleibt, ist mehr als der Bananenrock, viel wichtiger ist ihr lebenslanger Kampf für Frieden, Freiheit und Gleichberechtigung.

Von Verena Guschal