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In meinem Leben als Tänzerin bin ich schon sehr viel gereist. Teilweise war ich jede Woche im Monat in einem anderen Land und dazwischen wieder zu Hause. Wenn ich eines kann, dann Koffer packen. Und ich bin auch sehr gut darin geworden auf meinem Koffer zu sitzen. Meine Spezialität aber ist das Warten.

Ich wartete für einen Zwischenstopp einer Trainings- und Fortbildungsreise in der Nähe von New York in einer Garage eines befreundeten Tanzlehrers und überlegte dort zu Übernachten, da ich ihn nicht erreichen konnte und ich nicht unbedingt von der us-amerikanischen Polizei abgeführt werden wollte, wenn ich mich ohne seine Anwesenheit an der Sicherheitsanlage seines neuen Hauses zu schaffen mache. Irgendwie fand ich seine dunkle und kalte Garage doch sympathischer als ein Gefängnis im Bundesstaat Connecticut oder den Platzregen, der mittlerweile auf den Boden seines Vorhofes prasselte. Wären da nicht diese komisch kratzenden, scharrenden Geräusche und der dreckige Garagenboden gewesen, auf dem es sich nicht gut geschlafen hätte…

Ich wartete in Bangalore, nachdem meinem Flieger nach 16-stündiger Reise und nach dem fünften Landeversuch in Goa langsam der Sprit ausging und wir für eine Chai-Tee-Pause und Sprit-Betankung in der 90-minütig entfernten Stadt »zur Sicherheit« notgelandet sind, da die Sichtverhältnisse dort für den Piloten besser waren.

Ich wartete auch in Düsseldorf, nachdem ich meinen ursprünglichen Flug von Frankfurt wegen einem überfüllten Zug in Mannheim, einer überteuerten und straßenverkehrswidrigen Taxifahrt und schließlich einem Stau am Security Check verpasst habe, einen neuen Flug buchte und mit dem Zug über Köln in die Nachbarstadt verfrachtet wurde um nach ca. 20 Stunden im Hotel in Kroatien für eine Tanzreise, für die ich als Trainerin gebucht war, anzukommen. Mit dem Auto wäre ich schneller gewesen.

Das Leben eines Tänzers besteht häufig aus Warten.

Und interessanterweise verbringe ich pro Job häufig mehr Zeit mit An- und Abreise, als mit dem Unterrichten, Werten oder Tanzen selbst. Ich werde häufig gefragt, was ich auf den Reisen mache, wie ich die Zeit überbrücke. Meine Antwort ist immer dieselbe und ich erzähle dann von einem prägenden Erlebnis als Weltenbummlerin:

Einige Tage vor meiner Abreise aus Indien wurden über Nacht bestimmte Geldscheine von der Regierung als ungültig erklärt. Der Ansturm auf die Banken zum Einzahlen dieser Noten war riesig, die Institutionen waren nicht darauf vorbereitet und das Geld in den Automaten war im gesamten Land knapp geworden. Ob und wann Geldlieferungen in den Banken eintrafen und die allgemeine Lage im Land waren ungewiss. Für ein Bankkonto braucht man in Indien einen Personalausweis, den besitzt die arme Bevölkerung oft nicht, und so verlor der ärmste Teil der Bevölkerung über Nacht sein Erspartes.

Und auch mir und meinen Kolleginnen vor Ort ging langsam aber sicher das Bargeld aus, denn selbst mit einer Kreditkarte konnte man in den leeren Bankautomaten kein neues Geld mehr beschaffen. Zumindest, so wusste ich, war ich nur noch wenige Tage im Land.

Gerade am Flughafen angekommen, erreichte mich eine SMS. Mein Anschlussflieger in Mumbai war aufgrund eines Streiks storniert worden. Ich sollte mir im Internet einen neuen aussuchen, was ich ziemlich witzig fand, ohne Internet. Mein Vater, ein Kriminalkommissar, legte daraufhin die komplette Polizeistation lahm, was ich erst viel später erfahren sollte, um seiner Tochter in der aufgrund von dem Fluganbieter-Streik überlasteten Hotline einen neuen Flug zu besorgen. Ich möchte nicht wissen, wie er es geschafft hat, aber mir wurde prompt eine Verbindung reserviert, die ich bei meiner Ankunft in Mumbai dann nur noch persönlich bestätigen musste.

Dort angekommen lief natürlich nichts wie geplant, trotz meiner 16-Stunden-Verbindung über Alexandria, weiter nach Paris, weiter nach München. Ich habe nicht mit dem Flugberater gerechnet, der erst bockig war, dann aber zumindest einen neuen Flug anbot – acht Stunden später. Ich saß also in der Empfangshalle nahm mein gesamtes Gepäck wieder an mich, das vorher Gott-weiß-wem in die Hände gefallen ist, ohne Wasser und ohne Essen und ich tat… nichts. Ich starrte auf die große Uhr an der Wand und fünf Stunden lang, passierte nichts. 

In dieser Nacht sollte ich etwas ganz Wesentliches über einen großen Bestandteil meiner Arbeit begreifen.

Der Trick am Warten ist es, dass Warten selbst ja schon eine Tätigkeit ist.

Statt zu Warten beschäftigen wir uns oft mit anderen Dingen. Oftmals wählen wir halbherzige Aktivitäten, die uns zwar zunächst ablenken, aber auch zusätzlich ermüden. Oft ist es das Warten selbst, ein Zustand des Übergangs, ein Provisorium, das uns schon so sehr stresst, dass wir es kaum aushalten. Wer hat schon mal wirklich nur für das Warten gewartet?

Vielleicht verlor ich genau in dieser Nacht an einem Flughafen restlos den Verstand.

Die Zeit verging nicht schneller und auch nicht langsamer. Die Zeit war genau das, was sie ist.

Das Warten, in seiner Schönheit und in all seiner Ungewissheit, hat mich gelehrt im Moment zu sein.

Warten ist das Aushalten von Zeit. Und als Tänzerin auf Reisen habe ich mir in dieser Nacht eines geschworen: »Liebes Warten, Du kriegst mich nicht!«.

Heute schmunzle ich wenn sich mir eine Gelegenheit zum Warten bietet.
Warten bedeutet auch, dass etwas bald oder zumindest irgendwann weitergeht. Warten bedeutet, Zeit für alles zu haben und das Nichts zu wählen. Zeit zum Nichtstun und auch zum Nichtsmüssen. Die kritische Soziologin in mir denkt nun sofort an den Satz: »Man kann nicht nicht handeln.« – Man kann selbstverständlich auch nicht nichts tun. Das Herz, die Lunge und viele inneren Vorgänge geschehen ohne dass wir es aktiv steuern. Trotzdem kann es interessant sein sich mal ganz bewusst auf das Wesentliche zu reduzieren, zu verlangsamen und mit einer gehörigen Portion Bockigkeit den metaphorischen Hamster aus dem Rad zu befreien. Das ist es, was mich, zumeist gelassen, im Warten meines Berufsalltages – immer auch mit einer Prise schwarzem Humor, Kampfgeist und einem fetten Grinsen im Gesicht – verweilen lässt.

 

Wo hast Du als Tänzer schon mal gewartet?

»Während einer Opernshow-TV-Aufzeichnung… Viele Stunden… Um dann einmal tänzerisch um einen Sänger herumzukrabbeln«

Nadja Zerdick

 

»Immer auf das Finale!!«

Michael Hull

 

»Unzählige Male am Parkettrand, Hand in Hand mit der Tanzpartnerin, bevor die eigene Tanzrunde losging.«

Christian Wulff

 

»Acht Stunden technische Probe, davon eine getanzt. Warten ist Daily Business…«

Sarah Balzat

 

»Hinter der Bühne bisdie Show beginnt«

Anja Tramnitz

 

»In einem schäbigen, dreckigen Parkaus für ein Photoshooting«

Anke Simon 

 

»Unauffällig und sehr lange im Shopping Center, um Teil eines Hochzeit Flashmob zu sein«

Constanze Bruns 

 

»Backstage warten während eines Filmdrehs. Darauf warten, dass die Kamera Einstellung richtig gestellt ist, dass alle Requisiten korrekt platziert sind…«

Annie Stange 

 

Von Verena Guschal