Ego-Shooter, die tanzen können

Ego-Shooter, die tanzen können

»Fortnite« bringt Tanzbewegungen in die Online-Spiele-Welt


Es gibt Trends, die finden in Parallelwelten statt. Es gibt Trends, die irgendwann keine Trends mehr sind, sondern sich im allgemeinen kulturellen Gedächtnis verankert haben und einfach dazu gehören. Und dann gibt es Trends, die in einer Parallelwelt stattfinden, wie Nebelleuchten immer mal wieder in der alltäglichen Erwachsenenwelt aufscheinen und alle nicht Eingeweihten – in der Regel Menschen über 30 – unwissend zurücklassen. So ein Trend ist das Computerspiel »Fortnite«. Sarah Engels, Autorin von TANZEN – Das Magazin, ist 34 Jahre und hat versucht herauszufinden, was im Jahr 2018 in Jugendzimmern passiert ist und warum sich so viele Menschen plötzlich so besonders bewegen.

Wenn mein Patenkind Tobias nach Hausaufgaben und Sport in seinem Zimmer verschwindet, dann geht’s rein in eine andere Welt: Der 13-jährige Saarländer spielt »Fortnite«. Eigentlich ein Online-Shooter im Battle-Royale-Modus: Jeder Spieler kämpft gegen jeden und am Ende bleibt einer übrig. Bis dahin ist das Spiel ja nicht unbedingt sehr jugendfreundlich. Durch die poppig-bunte Aufmachung des Spiels und die zusätzliche Herausforderung, auch Gebäude zu errichten, um sich und sein Team zu schützen, bekommt das Ganze aber irgendwie eine sinnvolle Komponente und sieht auch noch freundlich aus. Deshalb ist das Spiel auch schon für Zwölfjährige frei gegeben. Und weltweit beliebt: Im Februar 2018 waren beispielsweise 3,4 Millionen Spieler gleichzeitig plattformübergreifend eingeloggt.

Etwas frustriert erklärt mir nun also Tobias, dass sein Vater gerade unterwegs ist, er deshalb nicht auf seinen eigentlichen Account zugreifen kann und wieder von vorne anfangen muss.
Von vorne bedeutet: Der Spieler ist nur mit Spitzhacke ausgerüstet und muss sich sämtliches Baumaterial, wie Holz, Steine, Metall, außerdem zum Beispiel Waffen und Schutzschilde einsammeln, damit er auf dem Fleckchen Landkarte, über dem er aus dem Flugzeug geschubst wurde, eine Festung bauen kann, um sich zu schützen. Er spielt dabei gegen 99 andere. Der Spieler, der am längsten durchhält, gewinnt. Von vorne anfangen bedeutet aber auch: Es ist nur ein Tanz freigeschaltet.

»Tänze?« – frage ich und werde als Tanzlehrerin hellhörig. Mein Patenkind interessiert sich fürs Tanzen? Tobias erklärt mir, dass in der Spielwelt und je nach Level verschiedene Tanzmoves freigeschaltet werden, die die Spielfigur dann ausführen kann. Da ich mir aufgrund des fehlenden Accounts die verschiedenen Moves nicht im Spiel anschauen kann, schickt Tobias mir einen youtube-Link. Elf Minuten lang zeigen verschieden Spielcharaktere die unterschiedlichsten Mini-Tänze: „Disco Fever“ erinnert doch stark an John Travolta, Breakdance ist auch mit dabei. Aber auch ganz neue Bewegungen wie „The Floss“, ein Move, der aussieht, als würde man seine Zähne mit Zahnseide säubern und ursprünglich von „The Backpack Kid“ kommt, der 2017 mit Katy Perry gemeinsam auftrat.

Und sein Kumpel könne die Moves richtig gut nachtanzen, erzählt mir Tobias. Also Tanzmoves werden interessant, weil sie in einem Ego-Shooter vorkommen?

Der Kulturwissenschaftler und Games-Experte Christian Huberts stellt in einem Beitrag von den Kollegen von Deutschlandfunk Kultur zunächst mal nichts Ungewöhnliches daran fest, dass bestimmte Popkultur-Phänomene im Alltag auftauchen, aber: „In diesem Ausmaß wie bei ‚Fortnite’ ist es schon sehr ungewöhnlich, dass ein Element eines Computerspiels so sichtbar wird und auf so vielen Ebenen im Alltag auftaucht. Und dass plötzlich auch Menschen, die keinerlei Berührung mit der Computerspielkultur haben, das auch mitkriegen.“

Zum Beispiel auch Fußballer, die Siegertänze aus dem Spiel während des Torjubels aufführen. Oder auch Tanzschulen, die die Moves in ihre Hip-Hop-Kurse mit einfließen lassen. »So eine tolle Sache. Wir haben bei den Neuntklässlern wieder jede Menge Jungs, die mit der Hüfte wackeln können«, freut sich beispielsweise ADTV-Tanzlehrer Gregor Schelp aus Nagold über das tanzende Computer-Spiel.

Auch ADTV-Tanzlehrer Michael Behneke aus Viersen erkennt die Fortnite-Tanzbegeisterung: »Also bei uns ist es definitiv ein Hype – es gibt kein Kind ab der dritten Klasse, das nicht weiß was ‚The Floss, ‚Hype’ oder ‚The Loser L’ ist«. Und ihre Kollegin Carmen Bokelmann aus Jever beschreibt eine Hype-Welle im Nordwesten Deutschlands von Februar bis April 2018. Da hatte sie dann auch eine Choreo zum Thema bei der Tanzparty. Sie sieht aber den Trend wieder abebben. Oder eben wieder zurück in der Parallelwelt, in der Tobias nun auch wieder verschwunden ist, weil er jetzt echt lange genug mit seiner Patentante gequatscht hat…

Beitrag vom 21.07.2018 in Deutschlandfunk Kultur – Echtzeit: „Der Tanz, der aus dem Computer kam“ von Mike Herbstreuth

2019-03-29T13:23:59+02:00

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