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Warum Tanzen nachweisbar männlich ist und männlich macht

In der Tanzwelt gibt es, zugegeben, faszinierende Persönlichkeiten, auch abseits des Parketts. Viele von ihnen sind aus dem Fernsehen bekannt und genießen Promi-Status. Ein Tanzstar ist Deutschland bisher verwehrt geblieben, denn seine Sendungen laufen nur im britischen und kanadischen TV.

Dr. Peter Lovatt ist Tanzpsychologe. Für seine inzwischen zwanzigjährige Forschungs- und Lehrtätigkeit über die Veränderungen, die Bewegungen beim Menschen auslösen, hat er von den Medien den Titel »Dr. Dance« verliehen bekommen. 

Im Jahr 2008 gründete er das erste und bisher weltweit einzige »Dance Psychology Lab« an der University of Hertfordshire, von wo aus er seine Forschung vorantreibt. Peter ist zudem ein charismatischer Entertainer. Mit seinen Entertainment-Programmen »Dance, Doctor Dance« und »Boogie on the Brain« begeistert und beweist er, wie sein Groove uns nachweislich gesund und sexy macht. Als Keynote-Speaker auf internationalen Konferenzen teilt er sich Bühnen mit Oprah Winfrey, Barack Obama, Richard Branson und Geena Davis. 

Im exklusiven Interview mit TANZEN – Das Magazin plaudert der schillernd-fröhliche Brite über Tanzen, Tänzer, Testosteron und sein neues Buchprojekt, bevor er unserer Redakteurin einen Abend voll »Charleston-Dancing« verschreibt, um ihren Hang zum Perfektionismus für eine rauschende Nacht, mit viel »Mooving & Grooving«, über Bord zu werfen.

 

Sag mal Peter, was macht ein Tanzpsychologe eigentlich?

Ein Tanzpsychologe zu sein, das ist das Schönste auf der Welt! Wir verbringen unsere Zeit damit, Tanz und Tänzer aus einer psychologischen und wissenschaftlichen Perspektive zu betrachten. Wir verwenden die Wissenschaft um zu verstehen, warum Menschen tanzen.

 

Wie sieht der typische Tag eines Tanzpsychologen aus?

Als Forscher frage ich mich, warum wir überhaupt tanzen: Wie viel Tanz benötigen wir, um einen positiven Effekt auf die Gesundheit zu erzeugen? Wird jeder dieselben Effekte durch Tanzen erzielen oder gibt es Unterschiede? 

Außerdem helfe ich Tänzern darin, noch besser zu werden, indem ich die Erkenntnisse aus der Forschung anwende. Ich arbeite mit Profitänzern an der Royal Ballett School, die gerade trainieren um den großen Kompanien der Welt beizutreten, und auch mit Trainee-TanztrainerInnen zusammen. Sie sind alle großartige Tänzer, doch vielleicht haben sie Bühnenangst. Sie sind brillant in den Proben, doch wenn sie dann vor tausenden und abertausenden Menschen auftreten, oder wenn sie in Auditions bewertet werden, oder allgemein in einem konkurrierenden Umfeld – welchen Einfluss haben diese Situationen auf deren tänzerisches Können und auf ihre Fähigkeit, Emotionen auszudrücken?

Wir betrachten Aspekte wie Motivation, Ziele, Strebsamkeit. Wir versuchen einige der negativen Seiten des (professionellen) Tanzens besser zu kontrollieren, zum Beispiel Perfektionismus. Perfektionismus ist gut bis zu einem gewissen Maß, aber ultimativ kann es auch destruktiv wirken, wenn man nicht richtig damit umgeht. Wir wissen aus unserer Forschungsarbeit, dass insbesondere TänzerInnen oft Probleme mit ihrem Selbstbewusstsein haben und sehr kritisch mit ihrem Selbstwert sind, Essstörungen spielen hier auch eine Rolle. Wir versuchen hier zu verstehen, wie wir Psychologie nutzen können, um positiv auf die Welt des Tanzens einzuwirken.

Als dritten großen Teil versuche ich das Tanzen und die Psychologie raus in die Welt zu tragen, als Botschafter für die positiven Effekte von Bewegung. Ich arbeite mit Unternehmen und Organisationen und auch mit Schulen eng zusammen, um zu verstehen wie man durch Bewegung positive Effekte für die Arbeitswelt kreieren kann. Ich versuche Tanz in die reale Welt da draußen zu bringen.

 

»Ich glaube, jeder ist geboren um zu tanzen. (…)
So wie wir alle geboren sind um uns zu verlieben…«

 

Inwiefern unterscheiden sich Tänzer von Nicht-Tänzern?

Oh, Tänzer sind eine ganz besondere Sorte (lacht). Zunächst möchte ich sagen, dass wir alle geboren sind um zu Tanzen. Wir sind alle Tänzer.

Bereits neugeborene Babys können Rhythmus wahrnehmen. Wenn man ihnen Kopfhörer auf ihre kleine Köpfchen setzt und ihre Gehirnaktivität misst, dann reagieren ihre Gehirne auf unterschiedliche Weise, ihre Gehirne sagen den Rhythmus vorher, das ist faszinierend. Wir wissen, dass Kinder im Alter von sechs, sieben Monaten zu Musik ihre Köpfe bewegen. Jeder macht das. Wir werden damit geboren.

Nun, manche Menschen gehen noch einen Schritt weiter. Das sind diejenigen, die irgendwann mal zu Tänzern werden, diejenigen, die den natürlichen Rhythmus, die natürliche soziale Interaktion und die Veränderungen im Denken und in der Stimmung zu etwas machen werden – All das ist ein Teil dieses natürlichen Bedürfnisses zur Bewegung, das wir haben. Es gibt sogar Unterschiede in der Genetik. Es gibt Gen-Marker, die sich bei Menschen, die viel Tanzen und Menschen, die nicht oder sehr wenig Tanzen, unterscheiden.

Ich glaube, jeder ist geboren um zu tanzen. Diejenigen, die das Tanzen intensiv betreiben, die haben bestimmte gegebene Fähigkeiten und sie verwenden sie. So wie wir alle geboren sind, um uns zu verlieben und wir können entweder nett sein zu anderen Menschen und andere Menschen lieben, oder wir können uns dagegen wehren und grummelig sein. Und ich denke, Tänzer fallen unter die, die sich entscheiden zu lieben (lacht).

Es gibt viel am Tanzen, das sehr schwer ist. Kompetenzen, wie die mentale Notwendigkeit diese große Menge an Inhalten zu lernen. Paartänzer müssen sich viele Schritte merken und die Aufmerksamkeit, die es braucht um zu tanzen und gleichzeitig auf die Paare um sich herum zu achten. Das ist eine herausfordernde Lernatmosphäre. Ohne Frage sind Tänzer Menschen, die gerne Neues lernen. 

Und dann ist da das Element von Disziplin im Tanzen. Die physische Disziplin zu üben, Stunde für Stunde, Tag für Tag, und es nicht sofort hinzukriegen. Tanzen ist nicht leicht. Dieses Gefühl etwas nicht sofort hinzubekommen, du musst üben um dich Stück für Stück mit einem anderen Menschen einer gemeinsamen, harmonischen Bewegungssequenz anzunähern. Das Maß an Disziplin, das Maß an Willen zu lernen und inwieweit du die Emotionen (beim Tanzen) fühlst, macht Tänzer zu einem besonderen Phänomen. 

Tänzer haben auch ein großes Maß an Resilienz gegenüber Schmerz und Unbehagen, ständig bewertet zu werden und damit emotional umzugehen, das alles ist nicht leicht.

 

Benötigt man, um ein großartiger Tänzer zu werden, den Körper eines Tänzers oder das Gehirn eines Tänzers?

Ich glaube, dass man das Gehirn eines Tänzers braucht. Faszinierende Dinge geschehen im Gehirn, wenn wir tanzen. Unser Gehirn strukturiert sich um. Unsere Schmerzgrenze wird hochgesetzt, das Opioid-System in unserem Gehirn macht Überstunden, da ist soziale Bindung und sie passiert im Gehirn. Die Wahrnehmung für Balance ändert sich drastisch, nachdem wir getanzt haben. Wir wissen, dass Tanzen die Art des Problemlösens verändert. Ab dem Alter von fünfzig entwickelt sich das Gehirn zurück. Und wir wissen, dass der Hippocampus jedes Jahr um 2 Prozent schrumpft. Wenn wir regelmäßig tanzen werden die Gehirnzellen neue Verknüpfungen finden. Das Gehirn ist wahrscheinlich das wichtigste Instrument eines Tänzers.

 

Was ist Tanz denn eigentlich?

Das ist eine interessante Frage, die ich auch in meinem neuen Buch diskutieren werde. Noch viel interessanter ist, was Tanzen nicht ist. Es ist recht einfach zu sagen, was Tanzen ist, wenn wir uns ein Tanzpaar beim West Coast Swing ansehen und wir sagen: »Hey, das ist Tanzen, das sieht aus wie Tanzen«. Aber wenn wir dann andere Formen von Bewegung ansehen: Was müssen wir weglassen, bevor West Coast Swing aufhört, West Coast Swing zu sein? Denn wo eine Synchronisation ist, eine Atmung, eine Bewegung, die Beziehung zwischen Atem und Bewegung, da ist auch Tanz – und es ist fast so, als wäre das die Essenz von Tanz, oder? Wenn man darüber nachdenkt: Du bist am Leben, du musst atmen und dich bewegen, dann ist das Tanz. Ich finde das einen sehr interessanten Gedanken, diese Vorstellung davon was Tanz ist und was nicht.

 

Gibt es einen Tanzstil der besonders klug, schön und sexy macht?

Jeder Tanzstil wird Menschen unterschiedlich anregen. Verschiedenste Tanzstile zu praktizieren ist vermutlich optimal. Wenn wir ein Experte im Walzer werden wollen und nur Walzer tanzen, wird das nicht so effektiv sein, wie wenn wir verschiedenste Stile tanzen, weil sie unterschiedliche Bereiche (im Gehirn) anregen werden. Und genau dann, wenn wir verschiedenste Bereiche aktivieren und stimulieren, und wenn wir gewohnt sind, auf unterschiedlichste Arten zu tanzen, dann werden wir die wirklichen Vorteile des Tanzens genießen.

 

Reden wir doch mal über Stereotype: Gibt es einen Grund warum Männer Tanzmuffel sind?

Ich habe eine große Umfrage mit sechstausend Teilnehmern gemacht, in der ich Männer und Frauen gefragt habe warum sie tanzen oder eben nicht tanzen. Für Männer ist der Hauptgrund, dass sie zu wenig Selbstvertrauen haben oder zu schüchtern sind. Sie sind unsicher, was ihre Körper angeht und haben schreckliche Angst vor der Tanzfläche. Manche sagen, dass sie zwar alleine tanzen, aber sie würden niemals vor anderen Menschen tanzen. 

Der zweite Grund ist, dass sie das Gefühl haben, dass sie nicht koordiniert genug sind. Ein Teil davon ist, dass sie sagen, dass sie den Rhythmus nicht hören, dass sie nicht musikalisch sind. Meine Erfahrung ist, dass Männer zu angespannt sind und deshalb den Rhythmus im Körper nicht spüren.

Der dritte Grund hat mit Kompetenz zu tun. Viele Männer möchten genau wissen, was sie tun werden, sie möchten sich kompetent in dem fühlen, was sie tun. Wenn sie in einer Position sind, in der sie nur wenig Ahnung haben und nicht wissen was passiert, dann fühlen sie sich nicht wohl dabei.

Natürlich ist es auch so, dass in manchen Teilen der Welt, im mediterranen Raum, Männer deutlich weniger zurückhaltend sind zu tanzen. In manch anderen Regionen ist es für Männer verboten zu Tanzen, weil es als feminin gilt. Die Gründe von Männern nicht zu tanzen können abhängig davon sein, wo sie sich in der Welt befinden. 

In Covent Garden gibt es sehr viel Tanzstudios und Tanzläden. Was mich wirklich stört ist, dass diese Tanzläden sich ausschließlich an ein weibliches Publikum richten. Diese Läden sind pink. Und natürlich sagen dann kleine Jungen »Tanzen ist nichts für mich«, weil es für sie so aussieht, als wäre Tanzen nur für kleine Mädchen, die pink gekleidet sind. Und natürlich gilt für Erwachsene dann genau dasselbe, denn auch erwachsene Männer würden sagen: »Das ist kein Ort an dem ich mich aufhalten soll«.

Wenn ich vor einem großen Publikum stehe, sind auch immer viele Männer unter den Zuhörern. Ich erzähle daher gerne über meine Forschungsergebnisse, die besagen, dass Männer mit hohen Testosteron-Leveln als die besten Tänzer eingeordnet werden. Das ist natürlich etwas, das Männer wollen. Und wenn ich darüber rede, dann wird Tanzen zu etwas Erstrebenswertem, weil Tanzen von Männern betrieben wird, die den höchsten Testosteron-Gehalt einer Gesellschaft aufweisen.

 

Was erwartet uns in Deinem neuen Buch?

Was ich versuche ist, Geschichten über das Tanzen und die erstaunlichen Dinge, die passieren wenn Menschen tanzen, zu finden. Das Buch ist in drei Teile unterteilt: Ein Teil beschäftigt sich mit dem sozialen Aspekt, einer mit dem physischen und einer mit dem emotionalen Aspekt von Tanz.

Menschen wurden geköpft, weil sie tanzten, sie wurden getötet. Natürlich kennen wir Menschen, die sich beim Tanzen verliebt haben, so viele Dinge über die menschliche Natur, die passieren wenn Menschen ihre Körper zusammen bewegen, vor allem diese geteilte Synchronisation von Bewegung.

 

Was soll Dein Buch verändern?

Für Leute sollte es normaler sein zu tanzen – anstatt nur in Studios zu tanzen, lasst uns überall tanzen! Warum haben wir nicht, anstelle der ganzen Coffee Shops an jeder Ecke, überall offene »Dance Spaces«? Einfach nur, um einander zu begegnen. Wir haben diese gesellschaftlichen Systeme, die so isoliert sind und wir leben so getrennt voneinander. Es gibt zwar Interaktion, aber nur virtuell. Wäre es nicht großartig, wenn wir soziale Interaktion wieder auf eine physische Art in the Welt zurückbringen könnten und die Erfahrung von Tanz für Menschen, die sonst keinen Kontakt zu Tanz haben, ermöglichen könnten? Wenn wir es komplett normalisieren könnten, genauso so wie mal eben in ein Straßencafé zu schlendern?

Im letzten Teil des Buches werden wir uns verschiedene Probleme von Menschen ansehen. Und wir werden Tänze verschreiben und Kombinationen von Tänzen, die das Problem lösen könnten. Diese Probleme müssen keine riesigen Dinge sein, aber sie könnten trotzdem einen großen Einfluss auf das Leben der Menschen haben. Sie sind vielleicht ganz simpel zu lösen, wenn man sich über den eigenen Körper Gedanken macht und sich damit auseinandersetzt.

Was ich mir wünsche ist, dass die Menschen mein Buch lesen und sagen werden: »Lasst uns mehr Tanzen«. Ich möchte Tanz an Orte bringen, an denen bisher noch nicht viel getanzt wird. 

Das ist es, was ich liebe und das würde ich mir wünschen, dass mein Buch Menschen inspiriert, drauflos zu Tanzen.

Peter Lovatts erstes Buch, Dance Psychology: The Science of Dance and Dancers ist 2008 veröffentlicht worden. Für den 2. April 2020 ist die Veröffentlichung seines neuen Buches, The Dance Cure, geplant, das im Verlag Short Books, zunächst nur auf Englisch, erscheint. 

Mehr Informationen: www.peterlovatt.com

 

Interview von Verena Guschal