Es gibt einen Satz, der mir gelegentlich zu Ohren kommt, welchen ich nicht verstehe. Grundsätzlich verstehe ich ihn schon, sofern er nicht in einem klingonischen Dialekt vorgetragen wird. Auch der Hintergrund offenbart sich mir – trotzdem verstehe ich ihn nicht. Der Satz lautet:

»Die Tanzfläche ist zu voll, da kann man gar nicht tanzen!«

Dieser Einstieg ist nun natürlich etwas provokant, undifferenziert und hat auf den ersten Blick auch nichts mit Musik zu tun… Oder?

Der Reihe nach: Das Erleben einer Tanzveranstaltung hat immer auch etwas damit zu tun, welche Philosophie ich mir als Besucher zu eigen mache. Und je nachdem, welche das ist, entscheidet sich, wie wichtig mir die Musik ist und welchen Tanz-Wortschatz ich von zu Hause mitnehme.
Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass Leute die beruflich in den Fängen einer Tanzschule gelandet sind, irgendwie immer Spaß auf der Tanzfläche zu haben scheinen? Das liegt nicht am Dasein als berufsmäßiger Teutonenbespaßer, sondern an einer ganz bestimmten, unausgesprochenen Philosophie:

Coole Musik im Ohr + toller Mensch im Arm = Tanzvergnügen

Mit der oben genannten Philosophie habe ich nämlich Augen und Aufmerksamkeit für meine zauberhafte Begleitung und die (hoffentlich) mitreißende Musik.

Als DJ beschleicht mich hingegen gelegentlich ein Gefühl dezenter Frustration, wenn ich DEN vorbereiteten Highlight-Song des Abends spiele, dieser jedoch an einigen Paaren in jeder Form spurlos vorbei zu gehen scheint, weil beide nur mit Navigieren, Präsentieren und Diskutieren beschäftigt sind. Macht das Spaß?

Einer meiner persönlichen Tanzhits ist die Salsa »La Gozadera« von Gente de Zona. Wenn dieser Song irgendwo anläuft, ist es mir persönlich vollkommen wurscht, ob die Dame, die ich in derselben Sekunde frage, ob sie (bitte sofort) mit mir tanzen möchte, eine oder alle Salsafiguren der Welt beherrscht*.

Der Begriff »Wortschatz« passt deswegen auch gut zum Thema Tanzen: genau wie ich mit dem Garçon in einem südfranzösischen Bistro tendenziell eher nicht versuchen werde, in dessen Muttersprache mit ihm über den Kategorischen Imperativ zu philosophieren, sind ein überdrehter Rechtskreisel in einen rechtsgedrehten Turninglock in eine langgezogene Linksflechte eventuell etwas dick aufgetragen für eine belebte Tanzfläche.
Solche Elemente einzeln tanzen, führen und kombinieren zu können, ist fraglos außerordentlich bedeutsam und von immensem Wert, weil es das grundsätzliche Erleben und Verstehen eines Tanzes erst ermöglicht – aber auf einer Party ist weniger oft mehr.
Den glücklichsten Tänzer aller Zeiten habe ich auf einer Salsaparty in einer ziemlich hippen Bar erlebt. Der Mann hat ausschließlich Grundschritte getanzt, das jedoch recht gut und sehr enthusiastisch. Nach jedem Titel forderte er sich eine neue Dame auf und wieder gab es einen kompletten Titel nur Grundschritte. Dabei hat er über das ganze Gesicht gestrahlt, als wäre er gerade der glücklichste Mensch auf Erden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er das in diesem Moment auch war.

Der unglücklichste Mensch, den ich je auf einem Event erlebt habe, war ein Vater, der sich sichtlich unwillig auf den Abschlussball seiner Tochter geschleppt hatte, während im Fernsehen das DFB-Pokalfinale an ihm vorüberging.

Auf meine schon fast ironische Frage, ob ich irgendetwas Gutes für ihn tun könne, antwortete er: »Also ein Bier hab ich ja schon, aber wenn Du ein Lied von ZZ Top spielen willst …?«
Bei »Gimme all your Lovin« ist er aufgestanden und hat zum Erstaunen seiner Tochter tatsächlich mit seiner Frau geschwooft.

Viel Spaß beim Tanzen
und Feiern,
EUER JOHNNY